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nordwest-zeitung

Forschungsprojekt in Ostfriesland Warum in Salzwiesen der Leybucht bei Norden tote Rehe liegen

Norden/Leybucht - In den Salzwiesen der Leybucht werden in der nächsten Zeit immer wieder tote Rehe ausgelegt. Was sich zunächst merkwürdig anhört, gehört zu einem großen Forschungsprojekt, das sich mit der Bedeutung von Wildtierkadavern in Nationalparks befasst. Gemeinsam mit zwölf weiteren deutschen Nationalparks ist der Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer Teil dieser Untersuchung. Die Koordination läuft über die Universität Würzburg, das Bundesamt für Naturschutz fördert das Vorhaben. Ziel ist es, zu erforschen, wie Aas in verschiedenen Ökosystemen von Wirbeltieren, Insekten sowie Bakterien und Pilzen zersetzt wird. Daraus sollen wichtige Erkenntnisse für ein besseres Naturschutzmanagement gesammelt werden.

Erste Auslegung im Mai

Bereits im Oktober des vergangenen Jahres habe die Planungsphase begonnen, sagt Dr. Thea Hamm, Meeresökologin bei der Nationalparkverwaltung Niedersächsisches Wattenmeer, im Gespräch mit unserer Redaktion. Nachdem die Genehmigung erteilt und die Gelder freigegeben worden seien, habe man die Gespräche mit der Jägerschaft und mit der Seehundstation Norddeich für die Kadaverbeschaffung gesucht. Über einen Zeitraum von drei Jahren werden jährlich acht natürlich verendete oder bei Wildunfällen tödlich verunglückte Rehkadaver auf verschiedenen Flächen ausgelegt. Auch tote Seehunde werden für die Forschung herangezogen.

Ende Mai gab es dann den Startschuss mit der ersten Auslegung von Kadavern – unter anderem an der Leybucht. Dafür war Zoologe Christian von Hörmann vor Ort, der das Projekt initiiert hat. Die Auslegung der verendeten Tiere erfolgt in den Salzwiesen oder in den Dünen, in denen entsprechende Probeflächen eingerichtet wurden. Dort wird dann entweder ein Reh oder ein Seehund ausgelegt, eine dritte Kontrollfläche bleibt ohne Aas. „Diese Untersuchung ist sehr aufwendig“, sagt Dr. Thea Hamm. 30 Tage lang werden die Kadaver alle zwei Tage begutachtet. Neben der Fotografie über Wildtierkameras, die vor allem die großen Aasfresser erfassen, wird das Insektenaufkommen mittels spezieller Barberfallen erhoben und für die Erforschung der Pilze und Bakterien Abstriche genommen und genetisch analysiert. Erforscht werden auch die Unterschiede in den Sommermonaten Juli und August zu den Wintermonaten Januar und Februar. An vier Orten werden die Kadaver ausgelegt: Leybucht, die Inseln Mellum und Juist und am Jadebusen.

Artenvielfalt

Um mehr über das ökologisch bedeutsame „Biotop Aas“ und das bisher noch viel zu wenig erforschte Zusammenspiel seiner Besucher herauszufinden, wurde das Projekt „Belassen von Wildtierkadavern in der Landschaft – Erprobung am Beispiel der Nationalparke“ ins Leben gerufen, informiert die Nationalparkverwaltung Wattenmeer. Im Nationalpark Bayerischer Wald haben bereits erste Untersuchungen stattgefunden, die bestätigen, dass ein Wildtierkadaver ein wahrer Ballungsraum der Artenvielfalt ist: 17 Wirbeltierarten, 92 verschiedene Käfer-, 97 Fliegen- und Mückenarten, aber auch 1820 Bakterienarten und 3726 Pilzarten hätte man auf den toten Tieren festgestellt. Bis 2025 werden nun hier an der Küste die Ergebnisse gesammelt, um Erkenntnisse über die Bedeutung von Kadavern im Ökosystem Wattenmeer zu liefern.

Marina Folkerts
Marina Folkerts Ostfriesland-Redaktion/Norden
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