Potsdam/Oldenburg - Spitzenleistungen im Sport abliefern und dabei die schulische Ausbildung nicht vernachlässigen, das ist eine echte Herausforderung für ambitionierte Nachwuchsathleten und -athletinnen. Denn: Ohne Ausbildung komplett auf den Leistungssport zu setzen, kann sich kaum ein Sportler leisten. 43 Eliteschulen des Sports sollen in Deutschland Talenten helfen, diese Herausforderung zu meistern. Christopher Weidner besucht eine von ihnen: die Sportschule „Friedrich Ludwig Jahn“ in Potsdam. Dort lebt, lernt und trainiert der 18-jährige Oldenburger seit Sommer 2022.
Die Sportschule „Friedrich Ludwig Jahn“ war zu DDR-Zeiten als Medaillen-Schmiede bekannt und bringt nach einer schwierigen Nachwendezeit seit 27 Jahren wieder deutsche Spitzensportler hervor. Auf die reine Sportschule gehen etwa 700 Sportler aus 14 Sportarten. Davon sind etwa 400 in Zweibettzimmern im Haus der Athleten untergebracht. An der Schule gibt es die in Deutschland einmalige Möglichkeit, ein additives Abitur abzulegen. Die 12. Schulstufe wird dabei auf einen Zeitraum von zwei Jahren gestreckt.Ein exemplarischer Tag: 6.10 Uhr: Aufstehen, Frühstück (im Zimmer oder in der Mensa). 7.15 Uhr: Wassertraining.9.30 Uhr: Kleiner Snack.10.15 Uhr: Erster Unterrichtsblock.12.40 Uhr: Mittagspause.13.40 Uhr: Zweiter Unterrichtsblock.14.15 Uhr: Freizeit.16 Uhr: Landtraining und zweites Wassertraining.19.30 Uhr: Abendessen, eventuell Hausaufgaben.21.15 Uhr: Nachtruhe.
13 Einheiten pro Woche
„Das war für mich genau die richtige Entscheidung“, erklärt der Schwimmer: „Die andere Option wäre gewesen, wie meine Freunde mit dem Sport aufzuhören. Ich freue mich jeden Tag, hier die Schule und meine sportlichen Ziele verbinden und unter tollen Bedingungen trainieren zu können.“
Seine Entwicklung unterstreicht die Einschätzung: „Ich bin mit der Jugend-EM meine erste internationale Meisterschaft geschwommen und konnte meine größte Schwäche, die Ausdauer, verbessern“, erzählt der 18-Jährige.
Angesichts des Trainingspensums verwundert das wenig: Statt drei- bis viermal, wie früher, geht er inzwischen bis zu 13 (!) mal die Woche ins Becken. Der Oldenburger absolviert Ausdauereinheiten von vier bis sechs Kilometern und hochintensive Sprintintervalle mit einem Gesamtumfang bis zu zwei Kilometern, dazu natürlich Techniktraining. „Hier muss ich vor allem meine Wenden noch verbessern“, gibt sich Weidner selbstkritisch. Neben einem 50-mal-25-Meter-Becken steht ihm eine Gegenstromanlage mit Unterwasserfenster inklusive Videosystem zur Verfügung.
Sowohl vormittags als auch nachmittags geht es für jeweils zwei Stunden ins Wasser. Einzig am Mittwochnachmittag ist frei, manchmal auch an den Wochenenden. Dann fährt er freitags nach dem Training nach Oldenburg, erzählt Weidner. Die Wassereinheiten werden täglich durch eine Stunde Landtraining ergänzt, heißt: Kraftraum, Stabilisationsübungen oder Cross-Training. „Oder wir gehen zur Regeneration in die Sauna oder ins Regenerationsbecken“, berichtet Weidner.
Das Lernen kommt nicht zu kurz, auch wenn er durch das Strecken des 12. Jahrgangs auf zwei Jahre deutlich weniger Unterricht hat als an normalen Schulen: Zwei bis vier Stunden am Tag. Jede wird zweimal angeboten, damit alle Schüler Training und Unterricht unter einen Hut bringen können. Weidner belegt derzeit neben vier anderen Fächern einen Mathe- und Sport-Leistungskurs (Volleyball). Im nächsten Jahr hat er dann andere Fächer auf dem Stundenplan. Trotz des vielen Trainings bleibt dem Oldenburger genug Zeit zum Lernen, am Wochenende oder zwischendurch. „Das Problem ist eher die fehlende Energie“, sagt Weidner.
Eine besondere Herausforderung in dieser Hinsicht sind Trainingslager, in denen er online und alleine lernen muss. Die Lehrer laden den Lernstoff für eine ganze Woche dann hoch. Begleitende Präsentationen liefern Erklärungen, und bei Fragen können die Lehrer per Mail kontaktiert werden. Auch Nachhilfestunden werden angeboten und regelmäßig finden Beratungs- und Perspektivgespräche statt. „Die gleiche Disziplin, die man für den Sport braucht, benötigt man auch für das alleine Lernen“, erklärt Weidner – denn es wird erwartet, dass man nicht nur das sportliche, sondern auch das schulische Ziel erreicht. Unterricht im gesamten Klassenverband hat der 18-Jährige nur selten: „Zeitweise fehlt die halbe Klasse, weil viele auf Wettkämpfen oder im Trainingslager sind.“
Nachdem er seinen Start bei der Kurzbahn-DM in Wuppertal wegen einer hartnäckigen Erkältung absagen musste, machte er am dritten Adventswochenende bei der deutschen Mannschaftsmeisterschaft in Essen seinen einzigen Wettkampf auf der Kurzbahn. Mit dem Potsdamer SV errang er den vierten Platz – einen besser als im Vorjahr. „Dafür, dass ich drei Wochen krank war, waren die Leistungen ganz ok“, erzählt Weidner.
Trainingslager mit Star
Nach einer einwöchigen Weihnachtspause, die er in Oldenburg und Bamberg verbringt, reist er am 3. Januar zu einem 17-tägigen Trainingslager ins südafrikanische Stellenbosch, wo er unter anderem mit Olympiasieger Chad le Clos (London 2012/200 m Schmetterling) trainieren wird. Sportlich liegt sein Fokus jetzt wieder ganz auf der kommenden Saison. 2024 will er nicht nur für den Potsdamer SV im OSC in der 1. Bundesliga starten will, sondern auch an der neuen U-23-EM teilnehmen. Dafür muss er sich im April bei den Berlin Swim Open oder den Deutschen Meisterschaften an selber Stelle qualifizieren.