Friesland/Wilhelmshaven - Maden, Gestank, wuseliges Getier, das die Reste vertilgt: Kadaver sind schon ekelig. Aus Sicht von Biologen ist diese Art „Schlacht am kalten Büfett“ aber ein spannendes Thema. Eine Forschungsgruppe der Universität Würzburg unter Leitung des Zoologen Dr. Christian von Hoermann will nun genau wissen, was sich an Kadavern in der Natur abspielt, vor allem: Welche Arten sich dort einstellen und vom toten Tier profitieren.
Das Projekt wird vom Bundesamt für Naturschutz gefördert und trägt den umständlichen Titel „Belassen von Wildkadavern in der Landschaft – Erprobung am Beispiel der Nationalparks“. Alle 16 Nationalparks in Deutschland sind beteiligt, auch der Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer. Nach einem standardisierten Verfahren werden Kadaver ausgelegt und untersucht.
Praxisphase hat begonnen
In diesem Sommer ist die dreijährige Praxisphase des Projekts angelaufen. Für den Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer bedeutet das: Es werden pro Jahr acht Reh-Kadaver an zwei festen Stellen ausgelegt, weitere acht Reh-Kadaver an wechselnden Stellen sowie einmalig sechs Seehunde an unterschiedlichen Stellen. Zum Vergleich gibt es außerdem eine Stelle ohne Aas.
Der Biologe Dr. Benedikt Wiggering von der Nationalparkverwaltung in Wilhelmshaven begleitet das Projekt an der niedersächsischen Nordseeküste. Er betont: Bei den Reh-Kadavern handelt es sich um Fallwild, also um Rehe, die dem Straßenverkehr zum Opfer gefallen sind. Und bei den Seehunden handelt es sich um verendete Tiere, die am Küstensaum gefunden wurden. Es werden also keine Tiere für das Projekt geschossen.
Aas liegt in der Ruhezone
Die Kadaver werden in Leybuchtpolder, auf Mellum und Juist sowie am Jadebusen ausgelegt. Die genauen Orte nennt Wiggering nicht, um keine neugierigen Beobachter anzulocken. Die Stellen befinden sich aber ohnehin in der Ruhezone des Nationalparks, zu der Menschen keinen Zutritt haben. Heißt: Niemand muss fürchten, beim Strandspaziergang auf einen Forschungskadaver zu stoßen.
Hotspot der Artenvielfalt
Aas ist ein Hotspot der Artenvielfalt: „Da kommen extrem viele Tierarten vorbei“, sagt Wiggering, von Haus aus Spezialist für Insekten und andere Wirbellose. Aus dem Nationalpark Bayerischer Wald liegen bereits erste Zählungen von einem Kadaver vor: 17 Wirbeltierarten, 92 verschiedene Käfer, 97 Fliegen- und Mückenarten, außerdem 1820 Bakterien und 3726 Pilzarten.
Unter den Aas-Fressern fanden sich auch Arten, die als ausgestorben galten wie der Scheinschutzkäfer, und Arten, mit denen nicht zu rechnen war: Im Nationalpark Eifel haben sich an einem Reh-Kadaver insgesamt 21 Gänsegeier eingestellt, obwohl die hierzulande gar nicht heimisch sind.
Im Nationalpark Eifel haben sich an einem Kadaver insgesamt 21 Gänsegeier zum Festschmaus eingefunden (Bild: Sönke Twietmeyer / Nationalpark Eifel)
Die Vögel mit den nackten Hälsen kamen aus Frankreich und Spanien, was anhand der Beinringe einzelner Tiere ermittelt wurde. Seit Jahren fliegen immer wieder einzelne Tiere oder auch kleine Trupps nach Deutschland ein – ein Festschmaus von gleich 21 Geiern ist aber schon bemerkenswert.
Seeadler wird erwartet
Im Niedersächsischen Wattenmeer wird sich wohl kein Geier einstellen. Wiggering rechnet aber unter anderem mit dem Gemeinen Totenkopfgräber und der Rothalsigen Silphe, zwei Käferarten, die sich von Aas ernähren. Neben Möwen und Greifvögeln werden vermutlich auch Seeadler auf einen schnellen Imbiss vorbeischauen, denn in der Region ist dieser stolze Vogel wieder heimisch.
In der Leybucht wurden indessen Marderhunde auf frischer Tat an einem toten Reh ertappt. Diese Wildtiere mit einer Gesichtsmaske, die an Waschbären erinnert, haben in den vergangenen Jahrzehnten Deutschland erobert. Da sie nachtaktiv sind und sehr heimlich leben, bekommt man sie normalerweise nicht zu Gesicht.
Fotofalle für größere Aas-Fresser
Ertappt wurden sie mit einer Fotofalle, denn bei den Kadavern werden Wildtierkameras aufgestellt, die stündlich ein Foto schießen und ansonsten auf Bewegung größerer Aas-Fresser reagieren, erläutert Wiggering. Käfer und andere Insekten werden in einer Bodenfalle gefangen, die alle zwei Tage geleert wird. Dabei werden auch Abstriche vom Kadaver und vom Boden genommen, um Mikroorganismen auf die Spur zu kommen.
„Was soll das denn eigentlich?“, mag der eine oder andere fragen. Ob Eifel, Bayerischer Wald oder Wattenmeer: Das Forschungsprojekt wird zuverlässige Erkenntnisse liefern, welche Vielfalt an Tierarten im jeweiligen Naturraum von Aas profitiert, sagt Wiggering. Und vielleicht ergeben sich daraus Hinweise zum Umgang mit Kadavern und zum Naturmanagement im Nationalpark.