Wellen, Salzluft und ein gutes Team an seiner Seite: Hier fühlt sich der Horumersieler Carsten Ihnken wohl. Seit 27 Jahren ist der 41-Jährige freiwilliger Seenotretter bei der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger (DGzRS) in seinem Heimatort. Hier ist er ehrenamtlich Bootsführer und die rechte Hand des Vormanns, der gleichzeitig sein Vater ist. Hauptamtlich arbeitet er in der von der DGzRS betriebenen Rettungsleitstelle See. Im Interview berichtet er von seinen Jahren auf See, brenzligen Einsätzen und der Liebe zum Meer.

Zur Sache:

Die Deutsche Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger (DGzRS) ist zuständig für den Such- und Rettungsdienst im Seenotfall. Sie unterhält 55 Rettungsstationen von der Insel Borkum bis zur Pommerschen Bucht. Diese werden aus der Rettungsleitstelle See, MRCC Bremen (Maritime Rescue Coordination Center) koordiniert. Von den rund 1000 Seenotrettern sind über 800 ehrenamtlich tätig. Jedes Jahr gibt es für sie rund 2000 Einsätze auf der Nord- und Ostsee. Weitere Informationen auf www.seenotretter.de

Herr Ihnken, seit nun fast 30 Jahren sind Sie freiwilliger Seenotretter in Horumersiel. Wie schafft man es, solange dabei zu bleiben?

Carsten IhnkenDurch das Teamgefühl. Wir helfen uns gegenseitig, teilweise auch privat. Wir sind ein eingeschworener Haufen.

Wie wichtig ist es, gut im Team zu funktionieren und welche anderen Fähigkeiten benötigt ein Seenotretter?

IhnkenTeamfähigkeit ist auf jeden Fall sehr wichtig. Wir müssen uns bei Wind und Wetter aufeinander verlassen können. Außerdem sollte man volles Herzblut in die Arbeit stecken.

Woher kommt dieses Herzblut bei Ihnen?

IhnkenIch habe schon als Kind das Meer geliebt. Mein Vater war der angestammte Krabbenfischer hier in Horumersiel. Ich sag immer gerne, dass er mich als Baby in einer Krabbenkiste gefunden hat. Von der Kindheit an habe ich alles über die Seenotrettung aufgesogen. Der Traumberuf Seenotretter stand also schon früh für mich fest.

Was mögen Sie heute besonders an Ihrer Arbeit?

IhnkenDie Vielseitigkeit. Jeder Tag auf See ist anders und jeder Einsatz einzigartig. Zudem habe ich es mit vielen tollen Menschen zu tun. Neben meinem Team sind das zum Beispiel die Kollegen der Wasserschutzpolizei, der DLRG und der Feuerwehr.

Letztere unterstützten Sie besonders bei dem Inselbrand auf Mellum vor einigen Jahren. Was ging bei diesem spektakulären Einsatz vor sich?

IhnkenEs war auf der Insel zu einem Brand gekommen. Wir haben geholfen, Einsatzkräfte der Feuerwehr auf die Insel zu bringen und auch selbst drei Stunden das Feuer bekämpft. Dabei war es unser Hauptziel, das Haus der Vogelwarte vor den Flammen zu schützen und zwei Vogelwärterinnen sicher von der Insel zu holen. Mit nassen Tüchern haben wir dabei das Feuer ausgeschlagen. Eigentlich gehört das nicht zu unseren Aufgaben, aber wenn wir irgendwo gebraucht werden, packen wir mit an.

Gibt es weitere Einsätze, die Ihnen besonders in Erinnerung geblieben sind?

IhnkenEinmal war eine Segelyacht vor Norderney in Not geraten. Als wir ankamen, lag sie in der Brandung, die sehr gefährlich ist. Zwei Personen befanden sich auf ihr. Wir stellten eine Leinenverbindung her, um die Yacht aus dem seichten Gebiet zu ziehen. Dafür musste einer der Segler an der Spitze des Schiffes das Tau befestigen. Dieser war zu diesem Zeitpunkt jedoch bereits sehr erschöpft, sodass er nach dem Anbringen fast von den Wellen über Bord gespült worden wäre. Erst als wir ruhigeres Wasser erreicht hatten, konnte er sich zurück in die Steuerkabine bewegen. Wir befreiten die beiden Männer aus Lebensgefahr und schleppten die leckgeschlagene Yacht in den sicheren Hafen.

Wie fühlen Sie sich, wenn Sie von einem Rettungseinsatz zurückkommen?

IhnkenIch bleibe so, wie ich bin und freue mich einfach, dass ich helfen konnte. Für uns Seenotretter ist es dann auch immer schön, zu hören, wenn sich die Geretteten erholt haben und gesund sind. Das gibt einem ein gutes Gefühl.

Wie ist es, wenn es nicht gut ausgeht?

IhnkenWenn wir es trotz aller Anstrengung nicht schaffen, die in Not geratenen Menschen zu retten, verarbeitet das jeder anders. Beispielsweise gab es eine Situation, in der wir morgens wegen Trümmerteilen eines Flugzeugs im Jadebusen alarmiert wurden. Bereits kurz nach dem Auslaufen wurde klar, dass das Flugzeug bereits am Vorabend abgestürzt war. Wir konnten nur noch die Trümmerteile bergen. Nach so einem Einsatz sprechen wir im Team gemeinsam darüber. Wir erhalten zudem Unterstützung von unserem Pastor und seitens der DGzRS wird uns professionelle Hilfe angeboten.

Wie schalten Sie persönlich nach der Arbeit ab?

IhnkenIch spiele seit meinem sechstem Lebensjahr Fußball im Verein. Das macht mir viel Spaß, denn auch das ist Teamsache. Ich bin ein absoluter Teamplayer. Wenn man als Gruppe gut harmoniert, kann man gemeinsam unheimlich viel erreichen.

Sabrina Holthaus
Sabrina Holthaus Volontärin, 1. Ausbildungsjahr