Berlin/Cloppenburg - Vor ihrer Eignungsprüfung zur Trainerlizenz lief sie „mit einem Puls von gefühlt 300“ herum, am unerwartet ereignisreichen Mittwoch schaffte es Marie-Louise Eta direkt in die Geschichtsbücher des deutschen Fußballs. Die gebürtige Dresdnerin, die von 2012 bis 2014 für den damaligen Zweit- und Erstligisten BV Cloppenburg spielte, steigt nach der Trennung von Cheftrainer Urs Fischer zur Co-Trainerin von Union Berlin auf und sorgt damit für ein Novum in der Bundesliga.
„Es ist keine bewusste Entscheidung für eine Frau als Co-Trainerin. Ich finde auch, das würde diese Entscheidung schon fast wieder diskreditieren. Sie ist für mich eine ausgebildete Fußballlehrerin“, sagte Präsident Dirk Zingler: „Ich betrachte sie ganz genau so, egal ob sie eine Frau oder ein Mann ist. Es war eine Entscheidung für eine Fußballlehrerin, die im Team arbeitet.“
Marie-Louise Eta (rechts, damals Bagehorn) sitzt enttäuscht im Trikot des BV Cloppenburg im Mai 2014 nach einem 1:1 im Erstliga-Spiel gegen die TSG Hoffenheim mit (von links) Mandy Islacker, Verena Hanshaw (damals Aschauer) und Eve Chandraratne (stehend)
Traum wird wahr
Ob die 32-Jährige nach der Länderspielpause am 25. November gegen den FC Augsburg auf der Bank des Schlusslichts sitzen wird, ist aber noch offen. Eta ist ebenso wie U-19-Trainer Marco Grote nur übergangsweise im Amt. Dass Union in den kommenden zehn Tagen einen neuen Cheftrainer findet, der seinen eigenen Stab mitbringt, ist alles andere als ausgeschlossen.
Laut Präsident Zingler ist die Trainersuche ein „sorgfältiger Prozess“, den man ohne Zeitdruck angehen wolle. Der 59-Jährige schloss am Mittwoch nicht aus, dass Grote und Eta die Mannschaft auch länger trainieren könnten.
Für Eta, die als Marie-Louise Bagehorn geboren wurde und unter ihrem Mädchennamen auch in Cloppenburg spielte, wird mit dem zeitweisen Aufstieg zu den Profis ein Traum wahr. Sie könne sich vieles gut vorstellen, sagte sie im Winter 2022 dem „Kicker“. „Irgendwann eine Jugend-Nationalmannschaft zu übernehmen, als Co-Trainerin in den Männer-Profiligen zu arbeiten, einen Frauen-Bundesligisten zu coachen, genauso U-17- oder U-19-Jungs“, sagte Eta. In einige ihrer Kästchen kann sie bereits jetzt ein Kreuz setzen.
Im Juli stieß Eta zu den Köpenickern, davor war sie beim Deutschen Fußball-Bund in verschiedenen U-Mannschaften Teil des Trainerstabs. Den Anfang nahm ihre Trainerin-Laufbahn bei der männlichen U 15 von Werder Bremen.
Für Werder hatte Eta als Spielerin in den vier Jahren nach ihrer Cloppenburger Zeit die meisten Partien ihrer Karriere absolviert. Ende Februar 2022 ergatterte sie einen Platz im Pro-Lizenz-Kurs des DFB. Neben Hansi Flicks ehemaligem Assistenten Danny Röhl drückte sie die Schulbank. Vor dem Eignungstest hatte sie gewaltig unter Stress gestanden.
Puls von gefühlt 300
„Ich bin den ganzen Tag mit einem Puls von gefühlt 300 rumgelaufen und habe mich ziemlich unter Druck gesetzt, weil ich mich natürlich von meiner besten Seite zeigen wollte. Das war ein intensiver Tag und ein schönes Gefühls-Chaos“, sagte Eta.
Ein Gefühls-Chaos dürfte allein diese Woche im Hause Eta ausgelöst haben. Erst am Montag hatte sich der Nord-Regionalligist Weiche Flensburg nach einem ernüchternden Saison-Start von Benjamin Eta getrennt und ihn durch Torsten Fröhling, früherer Trainer des VfB Oldenburg, ersetzt. Zwei Tage später steht nun Benjamin Etas Frau Marie-Louise in den Schlagzeilen.
Diese fungiert nun zunächst einmal als Co-Trainerin des gebürtigen Bremers Marco Grote, der 2020/21 für 23 Partien den VfL Osnabrück in der 2. Liga coachte.
14 Spiele sieglos
Zur Trennung von Urs Fischer kam es bei Union nach 14 Spielen ohne Sieg und nach mehr als fünf Jahren meist sehr erfolgreicher Zusammenarbeit. Drei Tage nach dem 0:4 in der Bundesliga gegen Bayer Leverkusen zog der Club die Konsequenzen aus der Krise. „Mit Blick auf die gemeinsame Zeit und die Erfolge, die wir zusammen gefeiert haben, bin ich dankbar und stolz. So schmerzhaft diese Trennung ist – Urs Fischer geht als Freund, der jederzeit mit offenen Armen von uns empfangen werden wird“, sagte Zingler. Es ist das Ende einer Ära, die bis zum Sommer die erfolgreichste der Clubgeschichte war. Nach fünf Jahren, die mit dem Einzug in die Champions League gekrönt wurden, stecken die Köpenicker nun plötzlich tief im Abstiegskampf.