Cloppenburg - Sein Interesse an der Geschichte der Menschen um ihn herum hat Dr. Michael Schimek schon als Kind und Jugendlicher am ländlichen Rand des Ruhrgebiets entwickelt. Aufgewachsen in Unna, besuchte der heutige Leiter der bauhistorischen Abteilung am Museumsdorf Cloppenburg regelmäßig das Freilichtmuseum Hagen. Dieses vermittelt 200 Jahre Handwerks- und Technikgeschichte aus Westfalen und Lippe. Parallel belegte er am Gymnasium den Leistungskurs Geschichte. Um historische Dinge auch praktisch restaurieren zu können, machte Schimek nach dem Abitur eine Tischlerlehre. „Das hilft mir schon seit vielen Jahren, mit Handwerkern auf Augenhöhe sprechen zu können. Wäre ich jedoch in dem Beruf geblieben, hätte ich heute mindestens einen Finger weniger“, sagt der 56-Jährige mit einem Lächeln.
Besprechungen
Intensive Besprechungen mit Handwerkern: Das ist neben der Erforschung der Hausgeschichten eine der wohl wichtigsten Aufgaben des Leiters einer bauhistorischen Abteilung, wenn man – wie Schimek – im Museumsdorf für über 60 Gebäude verantwortlich ist. Denn viele präsentieren sich momentan nicht gerade im allerbesten Zustand, einige Planen und Gerüste zeugen davon, dass der Zahn der Zeit teilweise gewaltig an den Häusern und Stallungen genagt hat.
Den mitunter immer wieder aufkommenden Vorwurf, das inzwischen 90 Jahre alte Museumsdorf habe die fortlaufende Sanierung seiner Gebäude schlichtweg verschlafen, will Schimek aber so nicht stehenlassen. „Die Sanierung der Gebäude beschäftigt uns schon seit meinem Antritt hier im Jahre 2011.“ So habe man die Kappenwindmühle, den Quatmannshof und den Dorfkrug bereits umfangreich instandgesetzt. Die Reetdächer der Hoffmannshof-Zaunscheune und des Saterhauses Deddens sollen noch in diesem Jahr neu eingedeckt werden.
Mit Dr. Michael Schimek bei Elferts in der besten Stube: Eines der ersten Siedlungshäuser, das an der Nordenhamer Straße 2 steht, hat das Museumsdorf als Anschauungsobjekt angemietet.
Komplizierter Antrag
Nun warte man sehnlichst auf die Zuteilung der versprochenen sechs Millionen Euro für die Sanierung der Bestandsgebäude, die von Bund (3 Mio. Euro), Land (2,4 Mio), den Kreisen Cloppenburg und Vechta sowie der Stadt (zusammen den Rest) finanziert werden. Die Antragstellung gestaltet sich aber deutlich komplizierter als gedacht, weil der Bund jedes der 60 Gebäude als einen einzelnen Sanierungsfall betrachtet. Die Museumsdorf-Baukoordinatorin Elke Drzymalla sei zurzeit fast mit nichts anderem beschäftigt, als mit Hilfe von Ausmessen und historischen Zeichnungen aktuelle Gebäude-Übersichten zu erstellen und Bauvolumina zu ermitteln. Diese Datengrundlage – so Schimek – sei unerlässlich für die abschließende Bearbeitung des Förderantrags bei der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien.
Dr. Michael Schimek (56), aufgewachsen in Unna, hat nach dem Abitur und einer Tischlerlehre Volkskunde und Europäische Ethnologie sowie Mittlere und Neuere Geschichte an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster studiert. 2001 promovierte er dort mit einer Arbeit über staatliche Einflussnahmen auf das ländliche Bauen zwischen 1880 und 1930. Von 1995 bis 1998 arbeitete Schimek das erste Mal für das Museumsdorf, hier führte er ein Projekt der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) zum Wandel des ländlichen Bauwesens im Industriezeitalter durch. Es folgten kurze Zwischenstationen an den Universitäten Münster und Bamberg, bevor Schimek von 2002 bis 2004 die Mönchguter Museen auf Rügen leitete. Danach übernahm er die Leitung des Rheinland-Pfälzischen Freilichtmuseums Bad Sobernheim, bevor es 2011 ein zweites Mal ans Niedersächsische Freilichtmuseum in Cloppenburg ging, dessen stellvertretender Leiter er seit 2019 ist. Dort konzentriert Schimek seine Forschungsschwerpunkte auf den Hausbau, die Alltagskultur des 18. bis 21. Jahrhunderts sowie freilichtmuseologische Themen. Außerdem engagiert er sich in den Fachgruppen Denkmalpflege der Oldenburgischen Landschaft und des Niedersächsischen Heimatbundes.
Viel Arbeit steckt auch in der Erweiterung des Museumsdorfs um die 60er, 70er, 80er Jahre. Neben der aus Harpstedt translozierten Land-Disco „Zum Sonnenstein“ sind im Bereich des Kassengebäudes inzwischen auch Dinge aufgestellt, an die sich auch vergleichsweise Jüngere erinnern können. Zum Beispiel eine gelbe Telefonzelle oder ein „Groschengrab“ in Form einer mechanischen Parkuhr. Und wer hat nicht schon einmal als Siedlungskind der 70er eine Pilz-Straßenlaterne mit Betonsockel ausgetreten?
Herzensprojekt
Ein Herzensprojekt ist in diesem Bereich das Haus zur Siedlungsgeschichte im Nordwesten an der Nordenhamer Straße 2. Dieses hat Franz Elfert 1951 gebaut, Sohn Georg wohnt inzwischen in einem Neubau direkt nebenan. Letzterer erzählt im Übrigen die Geschichte des voll eingerichteten Hauses in kurzen Videos, diese können Besucher per QR-Code auf ihr Handy laden. Wer das abgeschlossene Haus als Gast des Museumsdorfs besichtigen will, bekommt neuerdings die Schlüssel an der Museumskasse, Bether Straße 6. Von dort aus sind es quer durch die Siedlung gut 800 Meter zu Fuß zum Haus Elfert, das mit neuen Hinweisen inzwischen wieder gut ausgeschildert ist.
In der Freizeit
In seiner Freizeit fährt Schimek, der mit seiner Frau in Oldenburg lebt, alle vier bis acht Wochen nach Rügen. Dort besitzt das Paar ein denkmalgeschütztes Holzhaus. Doch der Trip auf die größte deutsche Insel dient nicht nur der Erholung, „etwas zu tun gibt es dort immer“, so Schimek. Und wenn er nicht auf Rügen ist, fährt Schimek im Sommer auch gerne mehrere Tage mit dem Fahrrad weg. Häufig zieht es ihn an Rhein und Nahe in die Nähe seines früheren beruflichen Wirkungskreises Bad Sobernheim, wo er von 2004 bis 2011 das Rheinland-Pfälzische Freilichtmuseum geleitet hat.