Hooksiel/Mellum - Bemerkenswert ist eigentlich anders. Ausflugsfahrten auf die Jade sind nichts Ungewöhnliches, Wattwanderungen auch nicht. Doch bei der Fahrt nach Mellum spielt der Reiz, eines „der letzten Paradiese Deutschlands“ zu besuchen, die entscheidende Rolle. Eines Paradieses, zu dem normalerweise niemand Zutritt hat, denn die Vogelschutzinsel liegt in der Ruhezone des Nationalparks Niedersächsisches Wattenmeer.
Mehrmals im Jahr bietet jedoch der Verein Mellumrat Fahrten zu der Vogelschutzinsel an. Start ist im Außenhafen Hooksiel. Mit dem Ausflugsschiff „Wega II“ – 25 Meter lang, 1 Meter Tiefgang, Heimathafen: Fedderwardersiel (Gemeinde Butjadingen) – geht es quer über die Jade ins „Paradies“.
Die Insel Mellum an der Nordspitze des Hohe-Weg-Watts hat keinen Anleger, daher setzt Frau Kapitän die „Wega II“ im Watt auf Grund. Noch ein bisschen warten, bis das Wasser weit genug abgelaufen ist, dann steigen die Teilnehmer über eine Leiter ins seichte Wasser und waten die paar Meter bis zum Sandwatt. Junge Leute, Biologiestudenten etwa, begleiten die Besucher im Auftrag des Mellumrates auf dem Weg übers Watt zur eigentlichen Insel und erklären die Besonderheiten dieses Lebensraums.
Diese Luftaufnahme zeigt den eingedeichten Bereich mit dem Häuschen im Südwesten der Insel. Aber die Abbruchkante rückt immer näher heran. Foto: Mellumrat
Küstenbewohner kennen den „Spaghetti-Wattwurm“, den Seetang, die Muscheln und den Queller, der als Pionierpflanze das höhere Watt besiedelt und den Weg für andere Salzwiesenpflanzen bereitet. Die Urlaubsgäste unter den Fahrtteilnehmern staunen.
Ziel der Wanderung ist die Station der Vogelwarte. Im Zweiten Weltkrieg stand dort ein Gebäude für die Mannschaft der Flak-Batterie, die die Nazis zum Schutz von Wilhelmshaven und Bremerhaven errichtet hatten. Mauerreste und die Ruine des gesprengten Bunkers erinnern an diese Zeit und natürlich der kleine Deich, der eine Fläche von vier Hektar umschließt.
Für die Besucher stehen Kaffee und Kekse bereit und vom Deich aus können sie einen Blick auf die Insel werfen. Ein bisschen enttäuschend ist das schon, denn außer Salzwiesen mit hohen Gräsern ist nicht viel zu sehen und weiter in die Insel hinein oder drumherum laufen dürfen Besucher nicht.
Mehr als 200 Pflanzenarten gibt es auf Mellum, viele Dutzend Insektenarten und natürlich jede Menge Vögel. Anfang des 20. Jahrhunderts war Mellum eine Insel der Seeschwalben; sie bevorzugen sandige, kaum bewachsene Flächen. Jetzt ist Mellum eine Insel der Möwen: Insgesamt etwa 5500 Paare Herings- und Silbermöwen brüten dort.
Abertausende Strandflieder-Blüten geben den Salzwiesen auf Mellum eine anmutige violette Farbe. Foto: Mellumrat
Kornweihe, Rotschenkel und Austernfischer sind ebenfalls auf Mellum zu Hause, insgesamt sind es rund 40 Brutvogelarten. Seit wenigen Jahrzehnten lebt dort auch der Löffler, eine geradezu aparte Erscheinung mit löffelartigem Schnabel und Federbüscheln am Hinterkopf.
Deckwerk und Lahnungen wie am Festland gibt es nicht. Mellum ist seit jeher dem Spiel von Wind, Wetter und Gezeiten ausgesetzt. Stürme und Sturmfluten verändern das Gesicht der Insel. An einer Stelle gibt es Abbrüche, an anderer Stelle Anlandungen.
Über die Jahrzehnte gesehen liegt Mellum stabil zwischen Jade- und Weser-Fahrwasser, sagt Mathias Heckroth, Geschäftsführer des Mellumrates. Nach einer Phase des Wachstums verliert die Insel inzwischen aber an Fläche.
Auf die Frage, ob Mellum bei steigendem Meeresspiegel in der Höhe mitwachsen kann, gibt es laut Heckroth keine zuverlässigen Antworten. Sorgen macht dem Verein der eingedeichte Bereich. Der Deich wird seit 1945 nicht unterhalten und im südlichen Bereich rückt die Abbruchkante immer näher. Geht es so weiter, steht die See in wenigen Jahrzehnten am Deich. „Ob der Deich dann hält, ist ungewiss; das Stationshaus wäre in Gefahr“, sagt Heckroth.
Noch ist das weit weg. Die Besucher machen sich auf den Marsch zurück zur „Wega II“. Einsteigen, warten auf die Flut, dann geht es zurück aus dem Paradies nach Hooksiel.