Oldenburg - Weitere Wege, schlechtere Versorgung, längere Wartezeiten und höhere Zuzahlungen: Die Zahnarzt-Patienten im Nordwesten seien die Leidtragenden des großen Praxissterbens, das in Niedersachsen bevorsteht, sagt Silke Lange. Die 63-Jährige ist im Vorstand der Kassenzahnärztlichen Vereinigung Niedersachsen (KZVN) und im Vorstand der Ärztekammer. Die Oldenburgerin schlägt Alarm: In Niedersachsen würden bis 2030 etwa ein Drittel der Zahnarztpraxen schließen, in der Stadt Oldenburg, den Landkreisen Oldenburg, Cloppenburg und Ammerland sogar knapp die Hälfte.
Grund für das Praxissterben sei auf der einen Seite der hohe Altersdurchschnitt der niedergelassenen Zahnärzte. Der liege bei Anfang bis Mitte 50. Auf der anderen Seite sei der Nachwuchsmangel ein erhebliches Problem – und Schuld daran sei vor allem die Politik, die für schlechte Rahmenbedingungen sorge. Gegen diese schlechten Bedingungen, unter anderem die Wiedereinführung der Budgetierung, protestierten Zahnärzte in ganz Niedersachsen am Donnerstag mit einem Praxisstreik.
Das Praxissterben sei offenbar von der Politik geduldet oder sogar gewollt, meint Silke Lange. Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach wolle nicht nur die Krankenhäuser, sondern auch die Zahnarztpraxen zentralisieren. „Ich denke, dass es im Moment das Ziel der Politik ist, die zahnärztlichen Leistungen eher in Medizinischen Versorgungszentren anbieten zu wollen. Die kleinen Praxen sollen geschlossen werden.“ Indem man sie nicht finanziell unterstütze, sondern im Gegenteil sogar durch die Budgets beschränke, zwänge die Politik die Zahnärzte regelrecht, von einer Niederlassung mit eigener Praxis abzusehen und sich in einem Medizinischen Versorgungszentrum (MVZ) anstellen zu lassen. In Niedersachsen gebe es bereits über 100 MVZ für Zahnärzte, etwa ein Drittel davon sei von Investoren geführt. „Die Investoren sind große Unternehmen, etwa die Firma Jacobs, die bei den MVZ noch eine Rendite-Abschöpfung sehen, die es auf dem normalen Finanzmarkt in den letzten Jahren wegen der niedrigen Zinsen nicht gab.“ Die Bedingungen an den MVZ seien für die Mediziner ebenso wie für die Patienten fragwürdig. „Wir hören von Kollegen, die dort angestellt sind, dass es großen Umsatzdruck gibt, geringe Gehälter gezahlt werden, dass die Materialien eine geringere Qualität aufweisen und dass es nur um Umsatzoptimierung ginge“, sagt Lange.
In den Städten Oldenburg, Leer und Aurich liegt der Versorgungsgrad noch bei über 100 Prozent, teilt die Kassenzahnärztliche Vereinigung Niedersachsen (KZVN) auf Anfrage mit. In Emden liegt er bei 83,27 und in Leer Ost mit 69,44 Prozent am niedrigsten. Lange ist sicher: „Diese Lage wird sich künftig noch drastisch verschlechtern.“